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14.34 Uhr | 10. November 2018

„Wir wollen und dürfen nicht vergessen, was geschah”

Würdiges Gedenken an die Opfer der Pogromnacht und Signal gegen Antisemitismus in Lampertheim

Schüler der Klassen 9c und 10 c des LGL zündeten Kerzen zum Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht an. Foto: Benjamin Kloos

LAMPERTHEIM – Eine eindrucksvolles und würdiges Gedenken an die Zerstörung der Synagoge in Lampertheim und der Gräueltaten an den jüdischen Mitbürgern am 9. und 10. November 1938 vollzog sich am Freitagabend am ehemaligen Standort des jüdischen Gotteshauses im Herzen Lampertheims. Eindrucksvoll, weil sich erneut viele junge Menschen aktiv beteiligten und so die Erinnerung an die Gräueltaten wach halten, eindrucksvoll, weil sich zahlreiche Bürger versammelt hatten, die ein sichtbares Zeichen gegen Intoleranz, Rassismus und wieder aufkeimenden Antisemitismus setzen wollten. Und eindrucksvoll, weil Bürgermeister Gottfried Störmer in seiner Rede nicht nur an das Unrecht, das von 1933 bis 1945 besonders den jüdischen Mitbürgern Lampertheims widerfahren ist, erinnerte, sondern einen mutigen Brückenschlag in die Gegenwart vollzog, in dem er aktuell aufkeimenden Fremdenhass und Antisemitismus anprangerte – was zu spontanem Applaus der zahlreichen Menschen, die sich an diesem Abend für Frieden und Freiheit sowie ein mahnende Andenken bekannten, führte. 

Mutiges Bekenntnis

„Wir müssen Abstand zu Parteien nehmen, die sich gegen den jüdischen Glauben bekennen. Parteien, die Antisemitismus propagieren, dürfen nicht an Anerkennung gewinnen. Wer die Zeit des Nationalsozialismus als einen ‚Vogelschiss der Geschichte‘ abtut, spielt denen in die Karten, die diese Gräuel verharmlosen oder gar leugnen. Solchen Menschen und Organisationen dürfen wir nicht folgen”, forderte Störmer auf und bekannte mutig: „Ich stellte mir eingangs die Frage, wie hätte ich damals reagiert? Wir können uns diese Frage ganz aktuell heute stelle und sollten eine Position, eine Haltung dazu finden. Meine steht fest. Keine Unterstützung solcher Parteien. Niemals.” 

Zuvor blickte Bürgermeister Störmer jedoch in die Vergangenheit und gab einen kurzen Überblick, wie es zu den schrecklichen Ereignissen in der Reichspogromnacht kam. „Jene Nacht vom 9. auf den 10. November, an die wir uns heute erinnern, war für die jüdischen Deutschen eine Nacht nicht enden wollender Schrecken. Bei uns in Lampertheim ging die Synagoge in Flammen auf. Geschäfte und Wohnungen jüdischer Inhaberinnen und Inhaber in Lampertheim wurden zerstört, zahllose Menschen jüdischen Glaubens brutal attackiert und verletzt. In ganz Deutschland brannten 1.400 Synagogen und Bethäuser, tausende jüdische Geschäfte, Arztpraxen, Betriebe und Wohnhäuser wurden verwüstet und geplündert. Zwischen 1.300 und 1.500 Mitbürger mit jüdischen Wurzeln wurden in jeder Nacht getötet und mehr als 30.000 jüdische Männer in den folgenden Tagen in Konzentrationslager verschleppt.” Dass das Gedenken auch heute noch wichtig war, zeige der Blick auf aktuelle Entwicklungen. „Wir alle kennen die traurige Wahrheit, dass Antisemitisms und Ausgrenzung Andersgläubiger, Andersaussehender oder Andersdenkender nicht überwunden ist. Es ist beschämend, dass antisemitische Vorurteile nach wie vor weit verbreitet sind – bis in die Mitte unserer Gesellschaft. Antisemitismus von wem und in welcher Form auch immer dürfen wir nicht hinnehmen. Die Vergangenheit, jene schrecklichen Tage, an die wir heute erinnern, diese Vergangenheit können wir nicht ändern. Aber wir können dafür sorgen, dass wir in unserer Gegenwart in einer Stadt, in einem Land, in einer Welt leben, in der alle Menschen, unabhängig von religiöser und politischer Überzeugung, unabhängig von Aussehen und ethnischer Zugehörigkeit, in der alle Achtung, Freiheit und Sicherheit finden und in der die Bürgerrechte und die Würde eines jeden Menschen gewahrt bleiben.”

Am ehemaligen Standort der jüdischen Synagoge in Lampertheim setzten Schülerinnen und Schüler des LGL ein Zeichen für Freiheit und Demokratie.  Foto: Benjamin Kloos

Klares Zeichen junger Menschen

Wie wichtig die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse von 1938 ist, daran erinnerten auch Schüler der Klassen 9c und 10 c des Lessing-Gymnasiums – mit einer Inszenierung, die in ergreifender Art und Weise an die Geschehnisse im 3. Reich und den sich immer weiter verstärkenden Antisemitismus erinnerte. Erschreckend war die Aufzählung der Gesetze und Verbote, welche Juden erdulden mussten, mit der Reichspogromnacht als vorläufigen Höhepunkt – aber zu diesem Zeitpunkt noch lange kein Ende fand. 

„Wir sind froh, in einer Demokratie aufgewachsen zu sein. Aber leben wir wirklich in einer friedlichen Zeit?”, fragten zwei Schülerinnen und erinnerten in diesem Zusammenhang an Chemnitz in diesem Jahr, als Ausländer gejagt wurden. „Dies ist eine Parallel zur Zeit des Nazi-Regimes, hier wurde eine bestimmte Gruppe ausgegrenzt”, mahnten sie an. Weitere Schülerinnen hatten eine deutliche Stellungnahme vorbereitet: „Grenzen wurden überschritten, nach einem altbekannten Muster. Wir müssen uns jetzt deutlich zu Demokratie und Freiheit bekennen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wir stehen für ein offenes und friedliches Deutschland. Wir alle sind Deutschland!”

Weiße Rosen als Zeichen der Erinnerung wurden vor der ehemaligen Synagoge niedergelegt. Foto: Benjamin Kloos

Anschließend luden die Schüler alle Anwesenden ein, Teelichter als Erinnerung an die Opfer anzuzünden und legten weiße Rosen vor der Tafel, die an die einstige Synagoge erinnert, nieder. Für die Stadt Lampertheim sowie für den DGB waren bereits zuvor Kränze aufgestellt worden, vor denen Bürgermeister Störmer und Stadtverordnetenvorsteherin Brigitte Stass schweigend der schrecklichen Taten gedachten. Musikalisch umrahmten die Musik-LK-Schülerinnen des LGL, Anja Rohde mit dem Saxophon, Julia Metzner mit der Querflöte sowie Elisabeth Berger mit dem Metallophon, die Gedenkstunde würdevoll mit dem Choral und dem Kanon aus „Music for the Youngster” von Patrick Millstone begleiteten. Benjamin Kloos

 

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