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09.07 Uhr | 17. Juli 2020

Warum in die Ferne schweifen? 

Hofheimer Landfrauen: Interessantes bei einem Spaziergang über die Maulbeeraue erfahren / Weiterer Spaziergang am 29. Juli um 18.30 Uhr

Auf der Heubrücke, dem sogenannten Bau, startete die Führung über die Rheininsel Maulbeeraue

Auf der Heubrücke, dem sogenannten Bau, startete die Führung über die Rheininsel Maulbeeraue

HOFHEIM – Sieh, das Gute liegt so nah“, das wusste schon Dichterfürst Goethe. Unter dem Motto „Geschichte(n) und Natur erleben“ führte Geopark-vor-Ort-Begleiterin Charlotte Laible-Bär Hofheimer Landfrauen über die Maulbeeraue. Eine kurzweilige und informative Zeitreise, die bei Karl dem Großen, der in Worms seine vierte Frau Fastrada ehelichte, begann.     

Das Naherholungsgebiet dehnt sich zwischen dem Altrhein und dem Rhein aus und bildet eine kleine Insel. Das nördliche Drittel gehört zu Nordheim, der größere Südteil zu Hofheim. Treffpunkt am Mittwochabend war der Parkplatz an der Heubrücke, besser bekannt unter dem Namen „Bau“ – früher die Bezeichnung für Befestigungen mit Steinen. Dass auf dem ab 1742 erbauten Küblinger Damm mal ein Dammwachthaus stand, daran konnten sich einige Teilnehmerinnen noch erinnern. Es sei abgerissen worden als der Damm erhöht wurde. „Schön, wenn man das zusammentragen kann, sonst gehen solche Geschichten verloren“, sagte Laible-Bär, die zum Geopark-vor-Ort-Team Lampertheim gehört, das vom Geo-Naturpark mit viel Wissen und Know-how zu Geologie, Natur und Kulturgeschichte ausgestattet wurde. Darüber hinaus hatte sich die Hofheimer Landfrau bei Stadtarchivar Hubert Simon, Günter Mössinger vom Verein für Heimatgeschichte Nordheim, auf dem Forstamt und beim Regierungspräsidium schlau gemacht. 

Entstehung Ende der letzten Eiszeit
Die Maulbeeraue entstand am Ende der letzten Eiszeit aus abgelagertem Kies, Sand und Lehm, die der mächtige Rheinstrom mit sich brachte. Durch Verlandung und Buhnenbau setzt sich der Prozess bis heute fort. Der Atrhein bildete sich als Nebengerinne des Hauptstroms und war ursprünglich nur einseitig an den Rhein angebunden. 1427 wurde die „Mulberauwe“ erstmals urkundlich genannt. Um 1600 wurden hier Maulbeerbäume für die Seidenproduktion in Wormser Klöstern angepflanzt. Laible-Bär hatte einen Zweig mit aktuell noch grünen (und im reifen Zustand essbaren) Früchten mitgebracht, die in ihrem Aussehen Brombeeren ähneln und deren Farbe später von weiß über rot bis zu schwarz reicht.

Seidenraupen ernähren sich ausschließlich von den Blättern des Maulbeerbaums, erzählte die Vor-Ort-Begleiterin, zu deren Anschauungsmaterial auch eine Raupe, ein Kokon und eine Seidenspinne gehörten. Spinnerinnen wickelten früher die Kokons ab und stellten so die Seidenfäden her, die an die Seidenindustrie in Frankreich verkauft wurden. Die Ansiedlung der Maulbeerbäume auf der Rheininsel war jedoch nicht von Dauer, sie wurden 1795 von französischen Truppen abgeholzt, zum einen um der heimischen Seidenproduktion einen Vorteil zu verschaffen, zum anderen, weil sie Brennholz benötigten.  

Die wegen der Corona-Verordnung auf zehn Personen begrenzte Gruppe wurde über Datsche, Faschine, Buhne und anhand eines Auszugs aus dem Flurbuch von 1754 über die zwei kleinen Ur-Inseln Katzenkopf und Sponswörth aufgeklärt. Das ehemalige Flussbett ist verlandet. „1750 war der Rhein schon schiffbar, da wurde getreidelt, heißt: die Schiffe von Menschen oder mithilfe von Zugtieren stromaufwärts gezogen“, so Laible-Bär. Kolbs Biergarten auf der Wormser Seite sei ein beliebtes Einkehrziel für die Treidelschiffer gewesen. Landwirtschaft war in der Aue zunächst auf kleine Flächen begrenzt und wurde erst nach dem Bau eines Sommerdammes, der ab 1840 entstand, ausgeweitet. Den Hofheimer Bau gab es damals schon, er ist der älteste Inselzugang. 

Sowohl bei der Eisenbahnbrücke, die im März 1945 von deutschen Soldaten gesprengt und dann als erster Rheinübergang für Zug, Auto und Fußgänger wieder hergestellt wurde, als auch die Auhofreute weckten bei den älteren Teilnehmerinnen zahlreiche Erinnerungen. Die Auhofreite, die gut zwei Meter höher liegt wurde um 1700 als Warft erbaut, um den Wasserstand des Rheines im Blick zu haben. Später war das barocke Gebäude, mit Krüppelwalmdach Forsthaus, der kleine Getränkegarten der Familie Jünger ist bis heute nicht vergessen. „Hier hab ich als Kind immer Libella getrunken“, erzählte eine Teilnehmerin.  Petra Gahabka

Weitere Führung
Am Mittwoch, 29. Juli, findet um 18.30 Uhr ein weiterer Spaziergang über die Maulbeeraue statt. Eine Anmeldung bei Charlotte Laible-Bär ist erforderlich, Telefon 06245/3256.

Geopark-vor-Ort-Begleiterin Charlotte Laible-Bär (2.v.l.) wusste Wissenswertes über die Auhofreite zu berichten. Fotos: Petra Gahabka

Geopark-vor-Ort-Begleiterin Charlotte Laible-Bär (2.v.l.) wusste Wissenswertes über die Auhofreite zu berichten. Fotos: Petra Gahabka

 

 

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Geschrieben in Hofheim, Nordheim

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