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09.15 Uhr | 11. August 2020

Die große Blaue mit stürmischen und sanften Tönen 

16. Lampertheimer Orgelsommer 2020 mit Jochen Steuerwald

Jochen Steuerwald aus Speyer vor Konzertbeginn an der großen Blauen. Foto: Hannelore Nowacki

LAMPERTHEIM – Draußen zeigte der heiße Sommer, was er kann, doch auch in der Domkirche war es am Sonntagabend nicht kühl. Wegen der Coronaregeln war die Empore auch diesmal beim zweiten Konzert im Rahmen des 16. Lampertheimer Orgelsommers für das Publikum nicht zugänglich – sonst ein besonderer und begehrter Ort bei Orgelkonzerten. Denn nur hier kann man nicht nur hören, sondern auch den Organisten beim virtuosen Spiel zuschauen. Was die Temperatur dort oben angeht, war Jochen Steuerwald, der Gast aus Speyer, seit 2008 Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche der Pfalz, weniger zu beneiden. Der Eintritt für diesen Orgelsommer ist frei, die Konzertbesucher dürfen jedoch  die Kollektenkörbchen am Ausgang mit einer Spende füllen und ihre Anerkennung gerne mit Scheinen ausdrücken. Wie ein Blick ins Körbchen am Taufstein-Ausgang offenbarte, fiel es vielen Besuchern ganz leicht. Zuvor hatten sie Jochen Steuerwald für das grandiose Hörerlebnis im Stehen begeisterten Applaus gespendet, worauf der strahlende Meister des Orgelspiels sein Publikum mit einer heiteren Zugabe belohnte. Das große Thema dieses Orgelsommers sind die Komponistinnen. In ihrer Ansprache zur Begrüßung der Konzertbesucher nannte Heike Ittmann, Kantorin und Organisatorin der Orgelsommer, aus dem Spektrum der meist wenig bekannten Komponistinnen weitere Namen, die nicht im Programm vorkommen. Erstaunlich viele Frauen haben in den vergangenen Jahrhunderten komponiert, standen meist jedoch nicht im Licht der Öffentlichkeit wie Alma Mahler, deren Ehemann ihr das Komponieren verboten hatte. Erst nach seinem Tod nahm sie ihre Leidenschaft wieder auf. Eine Ausnahme war die britische Suffragette Ethel Smyth, Kämpferin für das Frauenwahlrecht und 1910 mit der Ehrendoktorwürde für Musik ausgezeichnet. Als Komponistin war auf dem musikalischen Parkett zuhause und komponierte auch die Hymne der britischen Frauenbewegung. Schon seit drei Jahren habe sie versucht, Jochen Steuerwald für ein Konzert in Lampertheim zu gewinnen, nun endlich hatte der Vielbeschäftigte zugesagt. Dem Publikum erläuterte er die Komponisten und ihre Werke, die er ins Programm aufgenommen hatte, darunter zwei Komponistinnen. Von Maria Anna Martinez (1744-1812) spielte Steuerwald die Sonate E-Dur (Allegro, Andante und Allegro) und die Sonate A-Dur (Allegro, Rondo und Tempo di Minuetto), beide aus dem Jahr 1767. Martinez war die Tochter des päpstlichen Legaten, wie Steuerwald erläuterte, und wohnte im musikalischen Umfeld im Haus mit Joseph Haydn auf. Von Nadia Boulanger (1887-1979) hörten die Konzertbesucher Trois Improvisations (Prélude, Petit Canon und Improvisation). Deutlich im Kontrast zu den leichtfüßigen Melodien von Martinez kamen mit gewaltigen Tonorgien und Orgelstürmen die Neun Variationen und Finale für die Orgel (opus 90) von Christian Heinrich Rinck (1770-1846) ins Kirchenschiff. Zum Abschluss spielte Steuerwald von Louis Vierne (1870-1937) aus der Symphonie No. 2 e-Moll opus 20 den IV. Satz Cantabile und den finalen V. Satz. Zu erleben waren Weckrufe der Vleugels-Orgel, atonale Turbulenzen, musikalische Ausrufezeichen, dann wieder meditative Klänge sanft wie ein Sommerwind, ein abwechslungsreiches Programm. Auch die Melodie wie von „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ war herauszuhören, wie Steuerwald angekündigt hatte. Mit einem lustigen Spruch der Organistin Christiane Michel-Ostertun vom ersten Orgelsonntag erheiterte Heike Ittmann das Publikum: „Was haben ein Auto und die Kollekte gemeinsam? Scheinwerfer!“ Wegen der Coronaregeln ist die Anmeldung zu den Konzerten notwendig, die Sitzplätze mit weitem Abstand sind namentlich gekennzeichnet. Für den nächsten Sonntagabend, wieder um 20 Uhr, mit Johannes Trümpler aus Dresden seien noch Plätze zu haben, teilte Heike Ittmann dem Publikum mit. Anmeldung telefonisch (06206/157301) oder per E-Mail (heikeittmann@gmail.com). Hannelore Nowacki

 

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