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08.21 Uhr | 12. Februar 2020

Beste Böden im Ried – aber Siedlungsdruck mit Flächenverbrauch 

„Die Zukunft der Landwirtschaft“ im Schnittpunkt zweier Metropolregionen

„Die Zukunft der Landwirtschaft“ war das Thema der Veranstaltung mit Impulsvortrag und Diskussion. Im Bild (von links): WFB-Geschäftsführer Dr. Matthias Zürker, Raiffeisenbankvorstand Claus Diehlmann, Landrat Christian Engelhardt, Bürgermeisterin Barbara Schader, Kreislandwirt Sebastian Glaser und Bankvorstand Frank Ohl. Foto: Hannelore Nowacki

BÜRSTADT – Wie sieht „Die Zukunft der Landwirtschaft“ im Ried aus? Diese Frage bestimmte die Veranstaltung der Wirtschaftsförderung Bergstraße/Wirtschaftsregion Bergstraße  (WFB) und der Raiffeisenbank Ried am Montagabend. Der Besucherzustrom hielt bis zum Veranstaltungsbeginn an und übertraf das Sitzplatzangebot im Vortragsraum der Raiffeisenbank in der Wilhelminenstraße. Landrat Christian Engelhardt, der auch WFB-Aufsichtsratsvorsitzender ist, hielt den Impulsvortrag. Im Podiumsgespräch vertieften Landrat und Kreislandwirt Sebastian Glaser das Thema. Glaser ist auch Vorsitzender des Gebietsagrarausschusses. In der anschließenden Diskussion kamen die Besucher zu Wort. Zu Beginn sprach Hausherr Claus Diehlmann die zahlreich anwesenden Landwirte an: „Um Ihre Belange geht es heute Abend“. Bürgermeisterin Barbara Schader betonte in ihrem Grußwort die Vorteile regionaler landwirtschaftlicher Versorgung. Auch ihre Amtskollegen aus Lampertheim und Biblis, Gottfried Störmer und Felix Kusicka, waren gekommen. „Sie sind die Experten für Landschaftsschutz und Nahrungsmittelerzeugung“, sagte Landrat Engelhardt an die Landwirte gewandt, er wolle die politischen Punkte ansprechen. Soll man landwirtschaftliche Produkte teurer machen? Engelhardt sprach sich gegen eine Preisregulation und für das marktwirtschaftliche Prinzip von Angebot und Nachfrage aus. Den Landwirten empfahl er den Zusammenschluss für mehr Marktmacht als gleichwertige Partner der starken Kartelle im Handel und Industrie. Mit Hinweis auf die Direktvermarktungsbroschüre für den Kreis Bergstraße ließ Engelhardt die Zuhörer wissen, dass ihm die Direktvermarktung am Herzen liege. In den Schulen sieht Engelhardt die gute Möglichkeit, den Wert von Ernährung und regionalen Produkten zu erlernen. An das gegenseitige Verständnis bei widerstreitenden Interessenlagen appellierte Engelhardt, mehr Dialog sei gefragt bei den Themen Biodiversität, Umweltschutz, Naturschutz und Düngemittelverordnung. Beim Flächenthema will Engelhardt die Interessen der Landwirte zwar vertreten, zugleich jedoch die Wachstumssituation der Region unterstützen. Die Lösung sieht er „im Wissen um die Bedürfnisse und im Ringen miteinander“. Zusätzliche Infrastrukturprojekte könnten ohne weiteren Flächenverbrauch erfolgen, indem man Brachflächen wie alte Industrieanlagen in Bauland umwandelt. Vom bisherigen Vorgehen, zusätzliche Flächen als Ausgleichsflächen der Landwirtschaft zu entziehen, bezog Engelhardt Stellung: „Davon müssen wir weg“. Romantikvorstellungen „wie früher“ mit personalintensiver Bewirtschaftung erteilte Engelhardt eine Absage, es gehe um Unternehmertum – Landwirtschaft müsse sich für die Landwirte lohnen. Kritisch sieht Engelhardt die „ökologischen“ Lebensmittel beispielsweise aus China oder Spanien, die im Gegensatz zur regionalen Landwirtschaft lange Transportwege benötigten. Zu den externen Faktoren des Wandels zählt Engelhardt den Klimawandel. Diesen sieht Glaser als „definitiv greifbar“ an, „aber nicht planbar“.

Erde, die Menschen regional versorgt – beste Böden im Ried für Gemüse, Kräuter und Sonderkulturen. Archivfoto: Hannelore Nowacki

Mit den gehobenen Anforderungen müsse man sich auseinandersetzen. Sicher ist sich Engelhardt, dass man in Deutschland mit der Wissenschaft zum Erfolg kommt. Für die Rahmenbedingungen sei die Politik zuständig. „Wir Landwirte müssen uns an den Klimawandel anpassen“, erklärte Willi Billau, Landwirt und Vorsitzender des regionalen Bauernverbandes Starkenburg. Durch die Verschiebung der Klimazonen nach Norden könnten hier mediterrane Produkte angebaut werden. Allerdings müsse man sich nicht wundern, wenn die Jugend nicht mehr weitermachen will angesichts fehlender Wertschätzung der Landwirtschaft und ideologisch begründeter Regularien. Das größte Problem sei der Flächenverbrauch auf Kosten der Landwirtschaft. Glaser betonte, es müsse um jeden Quadratmeter gekämpft werden. Ein Winzer wies auf den ökologischen Weinbau hin, der Kupfersulfat als Spritzmittel erlaube, er plädiere für Glyphosat als wesentlich umweltfreundlichere Methode. Digitalisierung ist auch in der Landwirtschaft auf dem Vormarsch, verursache jedoch deutliche Mehrkosten, wandte eine Landwirtin ein. Glaser führte die Probleme auch auf die Weltmarktpreise zurück, anderswo werde nach anderen Spielregeln erzeugt. Landrat Engelhardt fasste seine Position zusammen: Er will weiteres Wachstum ermöglichen, da Arbeitskräfte Wohnraum brauchen. Andererseits solle weiterer Flächenverbrauch möglichst vermieden werden und der Ausgleich müsse besser organisiert werden. Zu bereden gab es auch nach dem Ende des offiziellen Teils der Veranstaltung viel, wie die angeregt diskutierenden Gesprächsrunden zeigten. WFB-Geschäftsführer Dr. Matthias Zürker lud die Besucher ein, sich die regionalen Produkte vom üppigen kalten Büffet schmecken zu lassen. Hannelore Nowacki

 

 

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