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„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“

Im LGL-Forum: Vitos-Direktor Thomas Rechlin hielt spannenden Vortrag zur Psychiatrie und Essstörungen bei Jugendlichen

Professor Thomas Rechlin, Leiter der Vitos-Klinik in Heppenheim, informierte das Publikum mit einer interessanten Erklärung des Gehirns und einer umfassenden Einführung in das Fachgebiet der Psychiatrie und Psychotherapie, darin eingebettet die Essstörungen und wie man vorbeugen kann. Foto: Hannelore Nowacki

 

LAMPERTHEIM – Die Mensa des Lessing-Gymnasiums (LGL) wurde am Mittwochabend zur Veranstaltung des LGL-Forums voll. Schüler, Lehrer, Eltern und Mitglieder des Schulelternbeirats waren gekommen, um den Vortrag von Professor Thomas Rechlin zum Thema Essstörungen bei Jugendlichen zu hören, der auf Plakaten angekündigt war. Das freute auch Schulleiterin Silke Weimar-Ekdur: „Das Thema ist ganz wichtig für eure Altersgruppe“, sagte sie zur Begrüßung, vor allem an die Schüler der neunten Klassen gerichtet, die den Vortrag als „erweiterten Unterricht“ im naturwissenschaftlichen Zweig besuchten. Wie Weimar-Ekdur betonte, hatte der Schulelternbeirat die Anregung gegeben. Dem Leiter der Vitos-Klinik in Heppenheim, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, gelang es, die Aufmerksamkeit seines vorwiegend sehr jungen Publikums bis zur letzten Minute auf höchstem Niveau zu halten. Dem fast dreiviertelstündigen Vortrag mit Applaus folgte eine nahezu einstündige sehr lebendige Diskussion. Michael Löffler, Lehrer für Geschichte, Politik und Wirtschaft, stimmte die Zuhörerschaft auf den Fachvortrag mit Anmerkungen aus dem Leben ein, das zu Weihnachten und vielen anderen Gelegenheiten die eigenen Gewichtziele auf die Probe stellen kann. Als Erwachsener könne man gelassen dazu stehen, doch Kinder stünden ständig unter Druck, gab er zu bedenken, was „in“ oder „out“, was „cool“ ist. Vor allem Mädchen, aber auch immer mehr Jungen, würden mit einem bestimmten Schönheitsideal konfrontiert. „Unsere Kinder brauchen unsere Hilfe, um die Herausforderungen des Alltags zu meistern“, folgerte Löffler. Professor Rechlin, nach eigener Bekundung seit 30 Jahren auf dem Gebiet der Psychiatrie tätig, machte im Vortrag und in der Diskussion deutlich, dass stabile soziale Beziehungen, die persönlichen Begegnungen im Leben von elementarer Bedeutung seien. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“. Diesem Zitat des Philosophen Martin Buber, der lange Jahre in Heppenheim gelebt hat, schloss er sich an. Auch dem Lebensgenuss, der Freude an den alltäglichen Eindrücken sollte man Raum geben, so wie es Bertold Brecht in seinem Gedicht beschrieb, das Rechlin auf die Leinwand gebracht hatte und vortrug, beginnend mit der ersten Zeile: „Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen“. Seinem wissbegierigen Publikum offerierte der Experte einzigartige Einblicke in sein Fachgebiet der „Seelenheilkunde“, das zu den drei größten der Medizin gehöre und auch von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung sei. Jeder Dritte in Deutschland werde im Laufe seines Lebens eine schwere psychische Erkrankung erleiden. Wer beispielsweise an einer schweren Depression erkranke, sei ungefähr ein Jahr lang arbeitsunfähig. Bei Essstörungen, als Erkrankung vorwiegend des Kindes- und Jugendalters, sei die Psychotherapie besonders wirksam. Essstörungen haben viel mit Sucht und zwanghaftem Verhalten zu tun, erklärte Rechlin, seien aber nicht leicht zu behandeln. Warum das so ist, zeigte Rechlin mit einem umfassenden Einblick in das Gehirn. „Ein großartiges Organ“, meint der Fachmann, das man gerne benutzen und beüben dürfe, das aber mit Botenstoffen, besonders der Dopamin-Ausschüttung das Belohnungszentrum im limbischen System in die Irre führen kann. Denn das Prinzip Belohnung funktioniere ebenso bei der stoffgebundenen wie auch der nicht stoffgebunden Sucht, zum Beispiel der Spielsucht. „Teufelskreise“ entstehen, weil der Mensch das Wohlgefühl suche, das Problem verleugne und schließlich die Kontrolle über sein Verhalten verliere. Jedem Menschen könne das passieren, in jeder Altersgruppe, betonte Rechlin. Das Wort Sucht leite sich aber nicht etwa von „suchen“ ab, sondern von „siechen“, was „krank“ bedeute. Wie aber kommt es zu Essstörungen? Rechlin nannte in der Person liegende und soziokulturelle, biologische und genetische Faktoren, aber auch die Körperunzufriedenheit. Zur Vorbeugung empfahl Rechlin, auch mit Hilfe von Eltern und Lehrern, einen ausgeglichenen Umgang mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, ein stabiles Selbstwertgefühl und stabile soziale Beziehungen sowie die Förderung eines positiven Körpergefühls. „Ihr seid genetisch einmalig“, wandte sich Rechlin an sein junges Publikum, und ermunterte dazu sich selbst anzunehmen. „Essstörung ist immer ein Hilferuf“, mahnte Rechlin. In der Selbsthilfe können sich die Menschen gegenseitig helfen. Hannelore Nowacki

Die Aufmerksamkeit des Publikums war Professor Thomas Rechlin bis zum Schluss sicher. Foto: Hannelore Nowacki

 

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